Frauke Bergemann

Fotokompositionen

Zum Konzept zeit-versetzt, orts-versetzt und gleich-versetzt

Von 2000 bis 2004 habe ich, frisch zugezogen aus München, die Stadt Berlin mit der Kamera erkundet. Begeistert von der Vielfalt und den Möglichkeiten Unerwartetes zu entdecken reagierte ich bewusst subjektiv und fotografierte die Stadt farbenfroh und knallig. Es entstanden ca.100 großformatige Fotografien, jede Bildkomposition zusammengebaut aus einzelnen analogen Kleinbilddias. Ich verwendete eine Technik die damals noch in den Kinderschuhen steckte und heute, ob eines leicht zu bedienenden Photoshops, zum Alltag vieler Fotokünstler gehört.

15 Jahre später begann ich erneut um meine damaligen Standorte herum zu fotografieren. Nicht nur meine Erfahrungen, meine Stimmung und entsprechend mein Blick sowie die Phototechnik und die Formen der Bearbeitung haben sich verändert, auch die Stadt in ihrer Mitte und der Bereich um die ehemalige Mauer herum. Die rasante Entwicklung bildet hier die vergangene Zeit gut lesbar ab. 2018 brachte mich eine Wettbewerbsausschreibung zum Thema “Transition“ dazu, ein entsprechendes Bildkonzept zu entwickeln. Darbei entstand die Idee, die Aufnehmen einander gegenüber zu stellen. Allerdings unterliegen die zeit-versetzten Bildpaare nicht der stringenten Vorstellung das Foto von ein und demselben Aufnahmepunkt aus zu wiederholen (was auch vorkommt). Mein Angang ist eher ein spielerischer. Wobei die Gegenüberstellungen Raum lassen Gedanken zu entwickeln und dadurch mehr erzählen als nur ein: “damals und heute“. Berlin erlebt genau das, was der Oberbegriff Transition beinhaltet: Wandel, Wechsel, Umbruch. Die Tableaus zeigen, dass in unserer Stadt diese Vorgänge aber nicht ganz schmerzfrei sind. Der anfänglich weite, für künstlerische Aktionen öffentlich zu nutzende Raum schrumpft gewaltig und die erhoffte Teilhabe durch Mitgestalten beginnt sich vieler Orts in Luft aufzulösen.

In der Politikwissenschaft versteht man unter Transition oder Transformation den Systemwechsel von autoritären zu demokratischen Regimen. Bei meinen Gegenüberstellungen könnte man dem Gedanken verfallen, dass wir uns von einer in der Zwischenwendezeit entstandenen Gesellschaft – mit durchaus in Ansätzen vorhandener demokratischer Teilhabe und Mitgestaltung –, in eine autoritär ökonomische gewandelt oder, um im Sprachgebrauch zu bleiben, transformiert haben.

2020 habe ich mir das Konzept noch einmal vorgenommen, es weiterentwickelt und daraus ein Buch gestaltet. Das Ergebnis ist jetzt auch Teil der Webseite.

Symbolhaft

Auf der Suche zu einer Begriffserklärung, bin ich bei Dr. Helmut Barz, einem Autor und Psychoanalytiker im Sinne C.G. Jungs, fündig geworden.: Nun ist es mit dem Verstehen von Symbolen eine schwierige Sache. Denn während man, um zum Beispiel ein Zeichen zu verstehen, nur gelernt haben muss, was mit ihm bezeichnet wird (… Verkehrszeichen …), verhält es sich mit Symbolen so, dass sie zwar voller Bedeutungen sind, ohne aber etwas Bestimmtes anzuzeigen; sie weisen im Gegenteil in einer unbestimmten, schillernden Weise auf zusammengesetzte, mehrschichtige Phänomene hin und lassen sich nie auf eine einzige Bedeutung festlegen – denn dann wären sie eben nicht Symbole, sondern Zeichen. Sie können deswegen nicht übersetzt, sondern müssen gedeutet werden – und zwar unter Berücksichtigung des Zusammenhanges, in dem sie stehen. Darum haftet der Deutung von Symbolen, wie sie etwa in der Tiefenpsychologie vorgenommen wird, immer etwas Unpräzises an, und es ist nicht zu leugnen, dass diese mangelnde Präzision gelegentlich den Eindruck von Willkür erwecken kann. Denn natürlich wird der Deutende aus der Fülle der möglichen Bedeutungen eines Symbols jeweils diejenige auswählen, die ihm im gegebenen Zusammenhang am besten in sein Konzept passt; aber was soll er anderes tun? Wenn die Deutung (oder An-deutung) eines Symbols einen Sinn ergibt, der spontan einleuchtet und der sich im gesamten Zusammenhang, in dem das Symbol auftaucht, als erhellend erweist, dann darf angenommen werden, dass diese Deutung passend ist – »richtig« kann sie kaum sein, weil die Begriffe richtig und falsch sich angesichts des mehrdeutigen Charakters der Symbole verbieten.